Junge Venusfliegenfallen (Dionaea muscipula) aus meiner Anzucht im Jahr 2004

Wie ich bei den fleischfressenden Pflanzen hängen geblieben bin

Eigentlich beschäftige ich mich seit über 20 Jahren mit fleischfressenden Pflanzen.

Wobei – wenn ich das so schreibe, klingt das irgendwie falsch.

Ich habe nicht seit 20 Jahren durchgehend hunderte Karnivoren gepflegt und ich würde mich auch nicht als Karnivorenzüchter mit 20 Jahren ununterbrochener Zuchterfahrung bezeichnen.

Mal hatte ich sehr viele Pflanzen, mal ein paar auf der Fensterbank, mal einen Moorkübel auf der Terrasse und zeitweise auch gar keine.

Losgeworden bin ich das Thema trotzdem nie.

Angefangen hat alles mit einer Baumarktpflanze

Meine erste fleischfressende Pflanze hatte ich irgendwann 2001 oder 2002 während meiner Ausbildung.

Welche es genau war, weiß ich nicht mehr. Ich denke, es war eine Venusfliegenfalle aus dem Baumarkt.

Lange gelebt hat sie nicht.

Was vermutlich weniger an der Pflanze und mehr an mir lag. Ich hatte schlicht keine Ahnung von Karnivoren.

Die Pflanze hatte damals sogar eine Blüte und ich kam auf die Idee, aus den Samen neue Pflanzen zu ziehen.

Auch das hat natürlich nicht funktioniert.

Damit hätte das Thema Fleischfresser eigentlich schon wieder erledigt sein können.

Stattdessen wollte ich wissen, warum das nicht funktioniert hatte.

Also fing ich an zu lesen.

In Büchern. Aus Papier.

Das war damals völlig normal. 😉

Natürlich gab es schon Internet, aber längst nicht zu jedem Thema hunderte Anleitungen, Videos und Forenbeiträge. Wenn man wirklich etwas wissen wollte, waren Bücher noch eine ziemlich wichtige Informationsquelle.

Und irgendwann fing ich an, auch online nach anderen Leuten zu suchen, die sich mit Karnivoren beschäftigten.

Karnivoren bestellen vor über 20 Jahren

Heute bestellt man eine Venusfliegenfalle oder einen Sonnentau in irgendeinem Onlineshop, bezahlt mit PayPal und ein paar Tage später klingelt DHL.

Damals war das noch etwas anders.

Ich meine, dass ich über das Forum der Gesellschaft für Fleischfressende Pflanzen auf verschiedene Züchter gestoßen bin.

Die hatten irgendwo im Internet Listen mit den Pflanzen, Samen und anderem Vermehrungsmaterial, das gerade verfügbar war. Diese Listen wurden alle paar Wochen aktualisiert.

Da standen dann nicht nur Samen von Venusfliegenfallen oder Sonnentau drin. Ich erinnere mich zum Beispiel auch an Winterknospen von Fettkräutern, die man bestellen konnte.

Man schaute sich an, was es gab, schrieb eine Mail und bestellte.

Kein Warenkorb, kein „Jetzt kaufen“-Button und keine Sendungsverfolgung per App.

Wie ich das damals bezahlt habe, weiß ich beim besten Willen nicht mehr. Ich glaube teilweise per Nachnahme.

Für alle, die das nicht mehr kennen: Bei Nachnahme bezahlte man die Ware erst, wenn der Paketbote vor der Tür stand. Der kassierte das Geld für den Versender direkt bei der Übergabe des Pakets.

Das war damals völlig normal.

Jedenfalls bestellte ich Samen von Drosera capensis und Venusfliegenfallen.

Und irgendwann funktionierte es.

Auf einer alten Festplatte habe ich inzwischen sogar Bilder aus dieser Zeit wiedergefunden. Die ältesten Aufnahmen stammen vom Mai 2004 und zeigen junge Venusfliegenfallen in einem großen Topf.

Junge Venusfliegenfallen aus meiner Aussaat im Jahr 2004
Mai 2004: Junge Venusfliegenfallen aus meiner damaligen Anzucht. Ob das wirklich meine allererste Aussaat war, weiß ich heute nicht mehr – zeitlich dürfte sie aber ziemlich nah dran gewesen sein.

Nur gut zwei Monate später gibt es weitere Bilder. Die Venusfliegenfallen waren im Juli schon deutlich weiter und daneben standen auch meine ersten Sonnentaue – darunter Drosera capensis.

Junge Venusfliegenfallen (Dionaea muscipula) aus meiner Anzucht im Jahr 2004
Juli 2004: Die jungen Venusfliegenfallen waren inzwischen deutlich weiter.

Ob das tatsächlich meine allererste Aussaat war, kann ich heute nicht mehr sagen. Aber viel früher kann es eigentlich nicht gewesen sein.

Damit hatte das Hobby endgültig angefangen.

Dann wurden es irgendwie immer mehr

Vor allem bei den Venusfliegenfallen gab es damals schon eine riesige Auswahl.

Rote Pflanzen, besonders große Pflanzen und alle möglichen merkwürdigen Mutationen. Eine meiner Pflanzen wurde zum Beispiel als „Haifischzahn“ verkauft.

Ob das wirklich das war, was heute als ‚Shark Teeth‘ bezeichnet wird, weiß ich nicht mehr. Das ist über 20 Jahre her.

Aber genau diese Unterschiede fand ich interessant.

Und irgendwann wurden aus ein paar Pflanzen ziemlich viele.

Junge Drosera capensis aus meiner Anzucht im Jahr 2004
Juli 2004: Neben den Venusfliegenfallen standen inzwischen auch die ersten Sonnentaue in den Anzuchttöpfen – darunter Drosera capensis.

Zu Spitzenzeiten hatte ich hunderte Pflanzen in der Wohnung verteilt. Nicht hunderte verschiedene Arten, aber eben sehr, sehr viele einzelne Pflanzen und Töpfe.

Auf den Fensterbänken, im Terrarium, irgendwo auf Regalen und überall dort, wo noch Platz war.

Dazu kamen natürlich noch die Pflanzen draußen.

Und die Kanister mit Regenwasser.

Meine Frau war übrigens schon damals der Meinung, dass die Pflanzen stinken.

Ganz aus der Luft gegriffen ist das nicht. Karnivoren stehen bei mir oft im Anstau, also mit Regenwasser im Untersetzer. Und wenn das da eine Weile vor sich hin steht, sieht und riecht es eben nicht unbedingt wie frisch abgefülltes Mineralwasser.

Ich bin trotzdem der Meinung, dass die Pflanzen nicht stinken.

Meine Frau sieht das bis heute anders.

Diese Diskussion führen wir inzwischen seit ungefähr 20 Jahren.

Man gewöhnt sich dran.

Irgendwann fand sie außerdem, dass es langsam generell etwas viele Pflanzen wurden.

Völlig unverständlich natürlich.

Also mussten die Pflanzen raus.

Der erste Moorkübel

Mein erster Moorkübel war ein großer Holzkübel, den, soweit ich mich erinnere, noch mein Opa gebaut hatte.

Ich habe den Kübel mit Teichfolie ausgekleidet und unten umgedrehte Eimer hineingestellt. Dadurch entstanden Hohlräume, in denen Wasser gespeichert werden konnte.

Oben kamen die Pflanzen hinein, teilweise noch in ihren Töpfen, und dazwischen Moose.

Das Ganze stand das ganze Jahr draußen.

Später habe ich große Maurerkübel genommen und diese außen mit Holz verkleidet.

Damit änderte sich auch meine Sammlung etwas.

Es kamen mehr Pflanzen dazu, die man ganzjährig oder zumindest einen großen Teil des Jahres draußen halten konnte.

Neben Venusfliegenfallen hatte ich verschiedene Drosera – an Drosera filiformis erinnere ich mich noch –, ein paar Fettkräuter, später Schlauchpflanzen und auch eine Kobralilie.

Irgendwann war dann eben nicht mehr das ganze Haus voll.

Dafür war die Terrasse voll.

Problem gelöst.

Fleischfressende Pflanzen im Schwarzwald

Mit der Zeit wollte ich die Pflanzen auch einmal dort sehen, wo sie tatsächlich wachsen.

Und fleischfressende Pflanzen gibt es ja nicht nur irgendwo in Australien oder Amerika. Einige wachsen auch hier bei uns.

Der Schwarzwald ist von mir aus gut erreichbar.

Man muss allerdings schon wissen, wo man suchen soll. Der Schwarzwald ist ziemlich groß und ein Sonnentau steht nicht einfach neben jedem Wanderparkplatz.

Über Bekannte waren wir damals ab und zu auf einer alten Hütte irgendwo im Hochschwarzwald. Die Hütte hatte keinen Strom und gehörte, soweit ich mich erinnere, irgendwie zu einer Verbindung an der Uni Freiburg.

Das war jedenfalls noch richtig Hütte.

Rundherum gab es Nadelwald, viele Heidelbeeren und immer wieder feuchte Wiesen.

Und Pfützen.

Bei uns im Schwabenland nennt man so etwas jedenfalls Pfütze.

Wobei das keine Pfützen waren, die nach dem nächsten sonnigen Nachmittag wieder verschwanden. An manche dieser Stellen kann ich mich erinnern, weil dort mehr oder weniger das ganze Jahr Wasser stand.

Zumindest damals.

Gefühlt war das noch eine andere Zeit. Wahrscheinlich gab es den Klimawandel natürlich auch schon, aber entweder wussten wir noch nicht so recht, was da auf uns zukommt, oder es war uns noch nicht so bewusst.

Gefühlt hat McDonald’s damals auch noch den Big Mac in Styropor verpackt.

So ungefähr diese Zeit.

Jedenfalls fand ich gerade an diesen dauerhaft nassen Stellen immer wieder Fettkräuter. Ich meine, es war Pinguicula vulgaris.

Und das war kein Zufallsfund beim Wandern. Ich hatte vorher schon gelesen und gesucht, welche Bedingungen die Pflanzen brauchen und wo man überhaupt eine Chance hat, sie zu finden.

Später fand ich in der Gegend um den Schluchsee auch Drosera rotundifolia, den Rundblättrigen Sonnentau.

Davon müsste ich sogar noch Fotos haben.

Die Betonung liegt auf „müsste“.

Irgendwo auf alten Festplatten sollten die noch liegen.

Dann ging es nach Peru

2008 wurde ich Vater und knapp ein Jahr später zog unsere Familie nach Peru.

Meine Karnivoren blieben in Deutschland.

Meine Oma bekam den Auftrag, die Pflanzen zu gießen.

Das hat nicht ganz so funktioniert wie geplant.

Meine Oma war der Meinung, dass Studentenblümchen auf einer Terrasse deutlich besser aussehen als irgendwelche fleischfressenden Pflanzen.

Als ich ungefähr ein Jahr später wieder zu Besuch in Deutschland war, war jedenfalls schon ein guter Teil meiner Sammlung verschwunden.

Ob meine Oma damit etwas zu tun hatte, lässt sich heute natürlich nicht mehr beweisen.

Ich habe da aber eine Theorie.

Als wir nach fast fünf Jahren wieder dauerhaft nach Deutschland zurückkamen, war von der Sammlung nichts mehr übrig.

Auch die alten Moorkübel aus Holz waren inzwischen kaputt.

Damit war meine große Karnivorensammlung erst einmal Geschichte.

Natürlich habe ich wieder angefangen

Lange gehalten hat dieser Zustand nicht.

Schon relativ kurz nach unserer Rückkehr standen wieder die ersten Fleischfresser bei uns.

Die Sammlung blieb diesmal allerdings deutlich kleiner.

Ich hatte inzwischen Kinder, war voll berufstätig und irgendwo muss man seine Zeit ja hernehmen.

Dafür wurde die Sammlung etwas breiter.

Zum ersten Mal hatte ich jetzt auch Nepenthes.

Warum ich während meiner großen Karnivorenzeit vorher nie eine Kannenpflanze hatte, weiß ich selbst nicht.

Meine erste war eine ‚Bloody Mary‘.

Einen Ableger davon habe ich heute noch.

Monsterpflanzen.de gab es damals schon

Auch Monsterpflanzen.de ist keine neue Idee.

Ich hatte damals eine Zeit lang nebenher Internetseiten gebaut und irgendwann kam mir die Idee, auch eine Seite über fleischfressende Pflanzen zu machen.

Ganz uneigennützig war das nicht.

Ich hatte damals ziemlich viel Geld in Pflanzen gesteckt und dachte mir, dass sich das Hobby mit einer Webseite vielleicht wenigstens ein bisschen selbst finanzieren könnte.

So entstand die erste Version von Monsterpflanzen.de.

Die gab es bereits, bevor wir nach Peru gingen.

Während unserer Zeit in Peru ging der damalige Hoster pleite und die Seite verschwand.

Und da ich ein paar tausend Kilometer entfernt gerade mit ganz anderen Dingen beschäftigt war, war es das erst einmal mit Monsterpflanzen.de.

Um 2015 herum habe ich noch einmal versucht, die Seite wiederzubeleben.

Das verlief allerdings irgendwann im Sand.

Kinder, Vollzeitjob und nebenher eine Webseite aufbauen funktioniert theoretisch ganz hervorragend.

Praktisch eher weniger.

Warum eigentlich Fleischfresser?

Was mich an diesen Pflanzen bis heute fasziniert, ist vor allem ihre Vielfalt.

Und natürlich die Fallen.

Eine Venusfliegenfalle kann sich bewegen. Ein Sonnentau reagiert auf seine Beute. Wasserschläuche saugen winzige Tiere in ihre Fallen und Kannenpflanzen haben wieder einen völlig anderen Weg gefunden, an zusätzliche Nährstoffe zu kommen.

Das sind Pflanzen.

Kein Gehirn, keine Muskeln und trotzdem laufen dort teilweise erstaunlich komplexe Vorgänge ab.

Dazu kommt, dass ich schon immer einen Hang zu Dingen hatte, die eben nicht jeder hat.

Eine Grünlilie ist sicherlich auch eine schöne Pflanze.

Aber sie frisst keine Fliegen.

Und dann kam Drosera peruensis

Während meiner Zeit in Peru hatte ich übrigens keine Karnivorensammlung.

Dafür hatte ich irgendwann Orchideen.

Viele Orchideen.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Irgendwann um 2010 oder 2011 las ich dann zum ersten Mal etwas über Drosera peruensis.

Und damit wurde die Sache für mich interessant.

Wir lebten damals in Oxapampa.

Und ausgerechnet dort, in der Cordillera Yanachaga bei Oxapampa, war Jahre zuvor ein Sonnentau gesammelt worden, der später als eigene Art beschrieben wurde: Drosera peruensis.

Ich beschäftigte mich also schon seit Jahren mit fleischfressenden Pflanzen und wohnte dann ausgerechnet in der Gegend, aus der nach damaligem Kenntnisstand diese kaum bekannte Drosera stammte.

Zufall?

Mag sein.

Ich habe beschlossen, dass es keiner ist.

Das Problem war nur: Damals fand man im Internet fast nichts darüber.

Ich wusste, dass es Drosera peruensis gab.

Ich wusste, dass sie irgendwo in der Gegend von Oxapampa gefunden worden war.

Viel mehr wusste ich zunächst nicht.

Und so fing eine Suche an, die inzwischen seit mehr als 15 Jahren läuft.

Gefunden habe ich sie bis heute nicht.

Aber aufgegeben habe ich auch noch nicht.

Und genau diese Suche wird hier in den nächsten Beiträgen weitergehen.

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