Wie konnte mir Triantha occidentalis entgehen?
Heute ist mir etwas passiert, das ich bei fleischfressenden Pflanzen eigentlich ziemlich gerne mag: Ich habe festgestellt, dass ich trotz über 20 Jahren mit dem Thema noch lange nicht alles kenne.
Ich bin nicht im Wald über eine seltsame Pflanze gestolpert und habe auch keine neue Art entdeckt. Ich bin schlicht über einen Artikel von National Geographic aus dem Jahr 2021 gestolpert.
Darin ging es um Triantha occidentalis.
Der Name sagte mir zunächst nicht besonders viel. Dann las ich weiter – und irgendwann stand da sinngemäß: Diese Pflanze ist fleischfressend.
Meine erste Reaktion war ungefähr: Wie bitte?
Eine bestätigte Karnivore, deren Fallen ausgerechnet an den Blütenstängeln sitzen, und das ist komplett an mir vorbeigegangen?
Offenbar ja.
Neu ist die Pflanze eigentlich überhaupt nicht
Das ist wahrscheinlich der Punkt, der mich an der Geschichte am meisten fasziniert. Triantha occidentalis ist keine Pflanze, die 2021 irgendwo in einem unerforschten Tal entdeckt wurde.
Die Art ist schon lange bekannt. Sie wächst im Westen Nordamerikas und kommt von Kalifornien bis in den Nordwesten des Kontinents vor. Besonders exotisch versteckt sie sich dabei nicht einmal. Sie wächst an offenen, nassen Standorten wie Mooren, Quellmooren und feuchten Wiesen.
Also eigentlich genau dort, wo man bei einer möglichen Karnivore schon einmal hellhörig werden könnte.
Am untersuchten Standort in British Columbia wuchs sie sogar zusammen mit Drosera rotundifolia, dem Rundblättrigen Sonnentau.
Und trotzdem wurde erst 2021 überzeugend nachgewiesen, dass Triantha occidentalis tatsächlich Tiere nicht nur festhält, sondern daraus auch Nährstoffe gewinnt.
Die Falle sitzt am Blütenstängel
Bei einer Venusfliegenfalle weiß man sofort, wo die Falle ist. Beim Sonnentau klebt die Beute auf den Blättern. Bei Nepenthes hängt sie irgendwann in einer Kanne.
Bei Triantha occidentalis sitzt die Klebefalle dagegen am Blütenstängel.
Der Stängel trägt zahlreiche klebrige Drüsenhaare. Kleine Insekten bleiben daran hängen und sterben dort. Solche klebrigen Stängel sind bei Pflanzen zunächst nichts völlig Ungewöhnliches. Viele Pflanzen besitzen Drüsenhaare, um sich gegen kleine Fraßfeinde oder andere unerwünschte Besucher zu verteidigen.
Genau deshalb reicht die Beobachtung „Da kleben Insekten dran“ eben nicht aus, um eine Pflanze zur Karnivore zu erklären.
Sonst könnte ich jetzt in den Garten gehen, alle Pflanzen absuchen, an denen irgendwo eine Mücke klebt, und anschließend das Pflanzenlexikon deutlich erweitern.
Ganz so einfach ist es leider nicht.
Wann ist eine Pflanze eigentlich fleischfressend?
Eine klebrige Oberfläche allein macht noch keine fleischfressende Pflanze. Entscheidend ist, was anschließend mit der Beute passiert.
Bei echter Karnivorie müssen aus dem Tier Nährstoffe verfügbar werden und von der Pflanze aufgenommen werden. Idealerweise lässt sich außerdem zeigen, dass die Pflanze von diesen Nährstoffen tatsächlich profitiert.
Genau das haben Forschende bei Triantha occidentalis untersucht.
Für das Experiment wurden Fruchtfliegen mit dem schweren Stickstoffisotop 15N markiert und anschließend an die klebrigen Blütenstängel gesetzt. Später ließ sich dieser markierte Stickstoff im Pflanzengewebe nachweisen.
Die Beute hing also nicht einfach nur am Stängel und verrottete dort zufällig. Stickstoff aus den Insekten gelangte tatsächlich in die Pflanze.
Ein Modell der Studie kam sogar zu dem Ergebnis, dass etwa 64 Prozent des Stickstoffs in den Blättern aus Beute früherer Jahre stammen könnten. Zum Vergleich: Beim Sonnentau am selben Standort lag der errechnete Anteil bei rund 76 Prozent.
Das ist nicht gerade eine Spurenelement-Spielerei.
Und verdauen kann sie offenbar auch
Die Forschenden fanden an den Drüsenhaaren außerdem Aktivität des Enzyms Phosphatase. Solche Enzyme helfen dabei, Phosphor aus organischem Material freizusetzen.
Damit erfüllt Triantha occidentalis ziemlich wesentliche Kriterien einer echten Karnivore: Sie fängt Tiere, besitzt enzymatische Aktivität an den Fangstrukturen und nimmt nachweislich Nährstoffe aus der Beute auf.
Die Arbeit von 2021 bezeichnete Triantha deshalb als neue karnivore Pflanzenlinie.
Wichtig ist dabei die Formulierung. Die Gattung selbst ist nicht neu entdeckt worden. Neu war der Nachweis, dass zumindest Triantha occidentalis tatsächlich karnivor ist.
Das ist ein kleiner, aber wichtiger Unterschied.
Warum frisst Triantha überhaupt Insekten?
Beim Lesen des ersten Artikels hat mir zunächst genau dieser Punkt gefehlt.
Warum sollte diese Pflanze überhaupt den Aufwand betreiben, Tiere zu fangen und deren Nährstoffe aufzunehmen?
Die Antwort ist am Ende ziemlich klassisch.
Triantha occidentalis wächst an hellen, nassen und nährstoffarmen Standorten. Genau diese Kombination findet man bei sehr vielen fleischfressenden Pflanzen.
Wasser und Licht sind ausreichend vorhanden, aber im Boden fehlen verfügbare Mineralstoffe – insbesondere Stickstoff und Phosphor können knapp sein.
Unter solchen Bedingungen lohnt sich Karnivorie. Die Pflanze gewinnt ihre Energie weiterhin ganz normal über Photosynthese. Die Insekten liefern keine Kalorien im tierischen Sinn, sondern vor allem zusätzliche Mineralstoffe.
Das gleiche Grundprinzip steckt auch hinter Sonnentau, Schlauchpflanzen oder vielen anderen Karnivoren.
Mehr über diesen Zusammenhang habe ich im Artikel Evolution & Geschichte fleischfressender Pflanzen beschrieben.
Eine Falle direkt neben den Blüten – ist das nicht ziemlich unpraktisch?
Das ist für mich fast das Merkwürdigste an der ganzen Pflanze. Bei vielen Karnivoren sind Blüten und Fallen räumlich voneinander getrennt. Das ist logisch: Wer Insekten zur Bestäubung braucht, sollte sie möglichst nicht vorher aufkleben.
Triantha occidentalis macht genau das trotzdem. Ihre Klebefallen sitzen am blütentragenden Stängel. Offenbar bleiben dort vor allem sehr kleine Insekten hängen, während größere Bestäuber deutlich weniger gefährdet sind. Ganz ohne Risiko muss das nicht sein.
Dass Evolution nicht jedes mögliche Kollateralopfer verhindert, kommt schließlich auch anderswo vor. Bei Schwarzen Witwen kann es zum Beispiel vorkommen, dass das Weibchen nach der Paarung das Männchen frisst. Das ist natürlich ein völlig anderes System und hat mit Bestäubung nichts zu tun. Aber es zeigt ganz gut: Entscheidend ist nicht, dass jedes beteiligte Individuum heil davonkommt, sondern dass die Strategie insgesamt funktioniert.
Wie konnte das so lange übersehen werden?
Die Pflanze war bekannt. Die klebrigen Stängel waren bekannt. Und offenbar klebten auch auf alten Herbarbelegen längst Insekten daran. Nur hatte niemand überzeugend gezeigt, dass Triantha diese Tiere tatsächlich als Nährstoffquelle nutzt.
Das finde ich an der Geschichte fast spannender als die Falle selbst. Man muss nicht immer eine neue Pflanze in irgendeinem unerforschten Tal finden. Manchmal reicht es, bei einer längst bekannten Pflanze eine andere Frage zu stellen.
Und ich habe von dieser Geschichte fünf Jahre lang nichts mitbekommen. Die Studie erschien 2021, diesen Beitrag schreibe ich 2026. Nach über 20 Jahren mit fleischfressenden Pflanzen passiert mir also immer noch so etwas. Eigentlich ganz beruhigend – dann dürfte mir der Stoff für Monsterpflanzen.de so schnell nicht ausgehen.
Seit heute schaue ich klebrige Pflanzenstängel jedenfalls etwas anders an. Vielleicht gehe ich wirklich mal durch den Garten und sehe nach, woran überall Insekten hängen. Nein, ich werde danach nicht jede klebrige Tomate zur neuen Karnivore erklären.
Triantha kommt auf meine Liste
Inzwischen hat Triantha auch einen eigenen Eintrag im Pflanzenlexikon: Simsenlilien (Triantha). Dabei ist die Trennung zwischen Art und Gattung wichtig: Der überzeugende Nachweis von 2021 betrifft Triantha occidentalis. Bei den Fallenarten gehört sie damit zu den Klebefallen – nur eben an einer ziemlich ungewöhnlichen Stelle.
Und jetzt hätte ich natürlich gern selbst eine.
Inzwischen hat sich der Plan etwas konkretisiert: Wenn ich an eine Pflanze oder an seriös vermehrtes Saatgut komme, soll sie nicht aufs Fensterbrett, sondern eher ins Moorbeet beziehungsweise zunächst in einen eigenen Moorkübel. Der aktuelle Stand meiner Suche steht im Beitrag Warum kann man manche Karnivoren einfach nicht kaufen?.
Falls jemand eine Quelle in Deutschland oder Europa kennt: Ich bin weiterhin für einen Tipp dankbar. Gemeint ist selbstverständlich kultiviertes Material – keine Wildentnahme.