Philcoxia

Philcoxia

Klebefallen im Sand: Philcoxia fängt winzige Nematoden mit drüsigen Blättern direkt an oder unter der Bodenoberfläche.

Bei Philcoxia muss man zweimal hinschauen, um die Falle überhaupt zu finden. Die kleinen brasilianischen Pflanzen besitzen rundliche, drüsige Blätter, die dicht an der Sandoberfläche liegen und teilweise sogar von Sand bedeckt sein können. Ihre Beute besteht nicht hauptsächlich aus Fliegen oder Käfern, sondern aus winzigen Fadenwürmern: Nematoden.

Damit gehört Philcoxia zu den ungewöhnlichsten karnivoren Pflanzengattungen überhaupt.

Steckbrief: Philcoxia

FamiliePlantaginaceae (Wegerichgewächse)
OrdnungLamiales
Artenzahl8 akzeptierte Arten nach Plants of the World Online
Verbreitungendemisch in Brasilien
Lebensräumenährstoffarme Sandböden der Campos Rupestres und verwandter offener Vegetation
Fallenartpassive Klebefalle an drüsigen Blättern
Beutevor allem Nematoden und möglicherweise weitere kleine Bodenorganismen
Sicher untersuchtPhilcoxia minensis

Acht Arten – aber der experimentelle Beweis kommt von Philcoxia minensis

Die Gattung wurde erst im Jahr 2000 wissenschaftlich beschrieben und ist seitdem weiter gewachsen. Plants of the World Online akzeptiert aktuell acht Arten.

Die fleischfressende Lebensweise wird für die Gattung allgemein angenommen, weil die Arten sehr ähnliche drüsige Blätter besitzen. Der entscheidende experimentelle Nachweis wurde jedoch an Philcoxia minensis durchgeführt.

Auch hier gilt deshalb dieselbe Grundregel wie bei Triantha: Morphologische Ähnlichkeit ist ein starkes Argument, sollte aber nicht mit einem eigenen experimentellen Nachweis für jede einzelne Art verwechselt werden.

Fallen direkt im Sand

Die Blätter sitzen an unterirdischen oder bodennahen Sprossen. Ihre Oberseite trägt zahlreiche gestielte Drüsen, die klebriges Sekret abgeben. Auf diesen Blättern wurden im Freiland und sogar auf Herbarmaterial zahlreiche tote Nematoden gefunden.

Das ist eine ungewöhnliche Variante der Klebefalle. Statt fliegende Insekten oberhalb der Pflanze zu erwischen, nutzt Philcoxia den Lebensraum direkt im feinen Sand.

Der 15N-Versuch: Nematoden werden tatsächlich verwertet

2012 wurde die entscheidende Frage experimentell getestet. Forschende fütterten Nematoden mit dem schweren Stickstoffisotop 15N und setzten diese markierten Tiere auf die Blätter von P. minensis.

Bereits nach 24 Stunden ließ sich ungefähr fünf Prozent des markierten Beutestickstoffs in den Blättern nachweisen, nach 48 Stunden etwa 15 Prozent. Das ist viel zu schnell und zu deutlich, um die Beobachtung einfach mit zufälliger Zersetzung neben der Pflanze zu erklären.

Damit war gezeigt, dass P. minensis Nährstoffe aus den gefangenen Nematoden aufnehmen kann.

Verdauungsenzyme an den Drüsen

Die gleiche Untersuchung fand Phosphatase-Aktivität an den drüsigen Blättern. Das spricht dafür, dass die Pflanze selbst am Aufschluss der Beute beteiligt ist und nicht ausschließlich auf Bodenmikroorganismen wartet.

Damit erfüllt Philcoxia minensis die entscheidenden Kriterien einer klassischen Karnivore: spezialisierter Fang, Verdauungsaktivität und nachweisbare Aufnahme von Nährstoffen aus Beute.

Warum ausgerechnet Nematoden?

Die Arten wachsen auf extrem nährstoffarmen, sandigen Standorten in Brasilien. Für eine kleine Pflanze, deren Blätter direkt im obersten Bodenbereich liegen, sind Nematoden eine ständig verfügbare tierische Ressource.

Das System erinnert damit eher an die unterirdischen Fallen von Genlisea oder die kleinen Fangblasen terrestrischer Utricularia als an einen klassischen Sonnentau.

Evolutionär ist Philcoxia mit diesen beiden Gattungen allerdings nicht besonders eng verwandt. Die ähnliche Nutzung winziger Bodenorganismen ist ein weiteres Beispiel dafür, wie vergleichbare Umweltprobleme zu sehr unterschiedlichen Fangsystemen führen können.

Keine Kulturbox

Philcoxia ist eine selten kultivierte Spezialität und keine Pflanze, zu der hier eigene belastbare Kulturerfahrung vorliegt. Deshalb bleiben Kulturangaben bewusst außen vor. Gerade bei Arten aus spezialisierten brasilianischen Sandhabitaten wäre eine aus allgemeinen Karnivorenregeln abgeleitete Pflegeanleitung eher irreführend. Warum solche Arten trotz Interesse kaum im Handel auftauchen, passt genau zum Blogbeitrag Warum kann man manche Karnivoren einfach nicht kaufen?.

Fazit

Philcoxia erweitert das Bild der fleischfressenden Pflanzen in eine Richtung, die man kaum sieht: nach unten. Die unscheinbaren Klebefallen sitzen unmittelbar an der Sandoberfläche und nutzen Nematoden als Nährstoffquelle.

Für Philcoxia minensis ist die Karnivorie mit Isotopenversuchen und nachgewiesener Enzymaktivität überzeugend belegt. Für die übrigen Arten spricht die ähnliche Anatomie stark dafür, auch wenn nicht jede Art einzeln denselben experimentellen Test durchlaufen hat.

Quellen & weiterführende Literatur