Brocchinia
Zwei karnivore Arten innerhalb einer deutlich größeren Bromeliengattung – mit wassergefüllten Rosetten statt Kannen.
Brocchinia zeigt sehr gut, warum man bei Karnivoren nicht automatisch eine ganze Gattung über einen Kamm scheren sollte. Plants of the World Online führt aktuell 20 Arten. Als karnivor gelten davon vor allem Brocchinia reducta und Brocchinia hechtioides.
Beide gehören zu den Bromeliengewächsen. Ihre Fallen sehen deshalb nicht wie klassische Kannen aus. Die eng stehenden Blätter bilden vielmehr eine wassergefüllte Rosette, in der Insekten ertrinken und deren Nährstoffe anschließend von der Pflanze genutzt werden können.
Steckbrief: Brocchinia
| Familie | Bromeliaceae (Bromeliengewächse) |
| Ordnung | Poales |
| Artenzahl | 20 akzeptierte Arten nach Plants of the World Online |
| Karnivore Arten | Brocchinia reducta und B. hechtioides |
| Verbreitung | Guayana-Schild und angrenzende Gebiete im nördlichen Südamerika |
| Fallenart | passive Zisternen- bzw. Trichterfalle |
| Verdauung | stark durch Mikroorganismen unterstützt; gelöste Nährstoffe werden über Blatttrichome aufgenommen |
Nicht jede Brocchinia ist fleischfressend
Die Gattung ist wesentlich größer als ihr karnivorer Teil. Viele Brocchinia-Arten nutzen ihre Rosetten wie andere Bromelien: Wasser, Staub, Blätter und anderes organisches Material sammeln sich darin und liefern nach der Zersetzung Nährstoffe.
Bei B. reducta und B. hechtioides kommen jedoch mehrere Merkmale zusammen, die über normales Sammeln von Detritus hinausgehen: glatte beziehungsweise wachsige Fangflächen, zahlreiche tote Insekten in den Tanks, spezielle absorbierende Trichome und eine klare Anpassung an extrem nährstoffarme Standorte.
Brocchinia reducta: der klassische Fall
Brocchinia reducta wurde 1984 in einer grundlegenden Arbeit als erster gut dokumentierter Fall von Karnivorie bei den Bromelien beschrieben. Die aufrechten Blätter bilden einen gelblich-grünen Zylinder, in dessen Zentrum sich Wasser sammelt.
Die innere Oberfläche ist gleitfähig. Insekten, besonders Ameisen, können den Halt verlieren und in die Flüssigkeit stürzen. Die Pflanze besitzt außerdem Trichome, die gelöste Stoffe aus dem Tank aufnehmen können.
Damit funktioniert die Rosette im Prinzip wie eine sehr offene Grubenfalle: hinein gelangt ein Tier relativ leicht, hinaus deutlich schlechter.
Verdauung ohne klassischen „Magensaft“
Bei Brocchinia ist die Frage nach der Verdauung komplizierter als bei einem Sonnentau. Moderne Übersichten ordnen die karnivoren Bromelien häufig als Formen ein, die stark auf Mikroorganismen im Tank angewiesen sind.
Bakterien und andere Bewohner zerlegen die Beute und setzen lösliche Nährstoffe frei. Die Pflanze nimmt diese anschließend über spezialisierte Strukturen an den Blättern auf.
Das ist kein Gegenargument gegen Karnivorie. Auch bei anderen anerkannten Karnivoren übernehmen Mikroorganismen einen Teil der Verdauungsarbeit. Entscheidend ist, dass Fang, Aufschluss und Aufnahme zusammen ein System bilden, von dem die Pflanze ernährungsphysiologisch profitiert.
Und Brocchinia hechtioides?
B. hechtioides ist deutlich weniger gut untersucht als B. reducta, wird in modernen Übersichten aber ebenfalls als karnivor geführt. Die Art besitzt viele der gleichen Merkmale: einen wassergefüllten Tank, saure Flüssigkeit, einen nektarartigen Geruch, Insektenreste und eine vergleichbare Struktur der absorbierenden Trichome.
Gerade hier ist eine differenzierte Formulierung sinnvoll: Der Nachweis ist weniger umfangreich als bei B. reducta, die Gesamtheit der Merkmale ist aber stark genug, dass die Art heute regelmäßig zu den karnivoren Bromelien gezählt wird.
Warum gerade auf den Tepuis?
Viele Brocchinia-Arten wachsen auf dem Guayana-Schild, darunter in Landschaften mit extrem nährstoffarmen Böden und hoher Niederschlagsmenge. Diese Kombination kennt man von vielen anderen Karnivoren: Licht und Wasser sind vorhanden, verfügbare Mineralstoffe dagegen knapp.
Unter solchen Bedingungen kann es sich lohnen, die ohnehin vorhandene wassergefüllte Rosette zu einer effektiveren Tierfalle weiterzuentwickeln.
Keine Kulturbox
Auch bei Brocchinia verzichtet dieses Porträt bewusst auf eine allgemeine Kulturbox. Die Gattung ist groß, die beiden karnivoren Arten sind keine typischen Baumarkt-Karnivoren und eigene Kulturerfahrung liegt hier nicht vor. Für Monsterpflanzen.de ist deshalb zunächst die biologische Einordnung wichtiger als eine pauschale Pflegeanleitung.
Fazit
Brocchinia besteht nicht aus 20 fleischfressenden Arten. Der interessante Punkt sind zwei spezialisierte Vertreter innerhalb einer ansonsten nichtkarnivoren Bromeliengattung.
B. reducta und B. hechtioides zeigen, dass eine Karnivorenfalle nicht wie eine Kanne oder ein Klebeblatt aussehen muss. Eine wassergefüllte Bromelienrosette kann denselben Zweck erfüllen – wenn sie Tiere gezielt festhält und deren Nährstoffe für die Pflanze nutzbar macht.
Quellen & weiterführende Literatur
- Plants of the World Online: Brocchinia – aktuelle Taxonomie.
- Givnish et al. (1984): Carnivory in the Bromeliad Brocchinia reducta, The American Naturalist.
- Thorogood et al. (2022): The digestive systems of carnivorous plants, Plant Physiology.
- Fleck & Jobson (2023): Molecular Phylogenomics Reveals the Deep Evolutionary History of Carnivory across Land Plants.