Natürliche Lebensräume fleischfressender Pflanzen
Moor ist nur der Anfang: Karnivoren wachsen in Feuchtsavannen, Nebelwäldern, Sandflächen, Felsen, Gewässern und sogar auf anderen Pflanzen.
Wer Karnivoren nur aus dem Gartencenter kennt, könnte meinen, sie kämen alle aus demselben nassen Torftopf. In der Natur wachsen sie auf Felsen, in tropischen Bergwäldern, zwischen Gräsern oder frei im Wasser. Manche überstehen sogar einen trockenen Sommer – allerdings mit ziemlich unterschiedlichen Tricks.
Viele dieser Standorte haben wenig verfügbare Mineralstoffe und genügend Licht gemeinsam. Beute liefert etwa Stickstoff und Phosphor, die über Boden oder Wasser schwer zu bekommen sind. Wo dagegen kräftige Gräser und Gehölze alles überwuchern, hilft auch die schönste Falle wenig.
Moore: nass, nährstoffarm und oft sonnig
Europäische Sonnentau-Arten kennt man aus Mooren, wo sie zwischen Torfmoosen oder auf offenen Torfflächen wachsen. Regenwassergeprägte Moore sind sauer und mineralstoffarm. Andere Feuchtgebiete werden stärker von Grundwasser beeinflusst; schon deshalb ist „Moor“ keine genaue Beschreibung der Wasserchemie.
Auch die Wasserstände schwanken. Ein feuchtes Torfmoospolster, eine überflutete Senke und ein durchströmter Hang bieten verschiedene Bedingungen. Aus dem Wort Moorpflanze lässt sich deshalb keine einheitliche Füllhöhe für den Untersetzer ableiten.
Feuchtsavannen: viel Sonne und gelegentlich Feuer
Die Venusfliegenfalle stammt aus einem kleinen Gebiet in North und South Carolina. Sie wächst in offenen, feuchten Landschaften mit nährstoffarmen Böden. Auch viele Sarracenia besiedeln Feuchtsavannen im Südosten der USA.
Regelmäßige Brände halten dort Sträucher und andere Konkurrenz zurück. Werden solche Feuer dauerhaft verhindert, können die Flächen zuwachsen. Dann fehlt den kleinen Sonnenanbetern das Licht. Für die Kultur erklärt das vor allem eines: Hohe Luftfeuchtigkeit macht aus einem dunklen Terrarium noch keinen passenden Standort.
Australische Sandflächen mit Sommerpause
Westaustralien ist besonders reich an Drosera. Auf ausgelaugten Sandböden wachsen Arten, deren Jahresrhythmus wenig mit dem eines üblichen Fensterbank-Sonnentaus zu tun hat.
Viele Knollendrosera treiben im kühlen, feuchten Winter aus. Den heißen, trockenen Sommer verbringen sie als unterirdische Knolle; oberirdisch ist dann nichts mehr zu sehen. Die Pflanze ist nicht kaputt. Sie hat nur gerade geschlossen.
Auch Zwergdrosera sind an jahreszeitliche Wechsel angepasst, wobei die Ansprüche je nach Art verschieden ausfallen. Eine Trockenruhe lässt sich daher nicht pauschal auf alle australischen Sonnentaue übertragen.
Fettkräuter auf Felsen und an Quellen
Pinguicula wachsen unter anderem an Quellaustritten, auf feuchten Felswänden und in dünnen Bodenschichten über Gestein. Manche Arten kommen auf Kalk oder Gips vor. Das passt schlecht zur verbreiteten Vorstellung, jede Karnivore brauche sauren Torf.
Bei vielen mexikanischen Arten gehört außerdem eine trockenere Jahreszeit dazu. Einige bilden dann eine kompaktere Rosette mit nicht karnivoren Blättern. Europäische, winterruhende Fettkräuter folgen wiederum einem anderen Rhythmus. Wer „Fettkraut“ auf dem Schild liest, weiß damit noch nicht, welche dieser Lebensweisen im Topf steckt.
Nepenthes zwischen Tiefland und Bergwald
Kannenpflanzen besiedeln sehr unterschiedliche tropische Standorte. Dazu gehören warme Tieflandgebiete, offene Heidewälder, Waldränder und kühle Berglagen. Manche wachsen im Boden, andere auf Bäumen. „Regenwaldpflanze“ sagt hier ungefähr so viel wie „kommt aus Europa“ bei einer Gartenpflanze.
Viele Nepenthes bekommen am Naturstandort reichlich Licht. Wie nass der Boden ist und wie gut Wasser abfließt, hängt von der Art und ihrem Standort ab. Ein schwerer, dauerhaft vernässter Torfklumpen ist jedenfalls kein brauchbares Modell für die gesamte Gattung.
Bei spezialisierten Hochlandarten kommen kühlere Nächte hinzu. Ein Luftbefeuchter kann eine fehlende nächtliche Abkühlung nicht ersetzen. Temperatur, Licht, Feuchtigkeit und Luftbewegung müssen zusammenpassen.
Auf Bäumen wachsen, ohne sie anzuzapfen
Epiphytische Karnivoren sitzen etwa in Moospolstern, Astgabeln oder angesammeltem organischem Material. Der Baum dient als Unterlage. Er wird dabei nicht wie von einem Parasiten angezapft.
Zu diesen Aufsitzerpflanzen gehören einige Nepenthes und bestimmte Utricularia. Ein botanisches Detail ist dabei wichtig: Utricularia besitzen keine echten Wurzeln. Ihre Ausläufer und Fangblasen durchziehen je nach Art feuchte Substrate, Moospolster oder wassergefüllte Pflanzenhohlräume. Wie lange solche kleinen Wasservorräte halten, hängt stark von Regen, Nebel und Verdunstung ab.
Jagen unter Wasser
Wasserlebende Utricularia-Arten und die Wasserfalle Aldrovanda fangen kleine Organismen direkt im Wasser. Nicht jeder Wasserschlauch ist allerdings eine Wasserpflanze: Viele Arten wachsen terrestrisch in feuchten Böden.
Auch ihre Gewässer sind nicht alle gleich. Wasserchemie, Licht, Temperatur und Konkurrenz durch Algen oder andere Pflanzen beeinflussen, ob eine Art dort bestehen kann. Die übliche Frage nach der richtigen Topferde führt bei einer frei schwimmenden Aldrovanda verständlicherweise nicht weit.
Es geht sogar ohne dauernden Sumpf
Drosophyllum wächst in Teilen Portugals, Spaniens und Marokkos unter mediterranen Bedingungen. Trockene Sommer gehören dort zum Klima. Die Art lässt sich deshalb nicht nach demselben Gießschema behandeln wie ein Sonnentau aus einem nassen Moor.
Auf brasilianischen Sandflächen lebt wiederum Philcoxia. Ihre winzigen klebrigen Blätter liegen teilweise unter der Sandoberfläche und fangen unter anderem Fadenwürmer. Karnivorie findet eben auch dort statt, wo man beim ersten Hinsehen überhaupt keine Falle bemerkt.
Was die Herkunft für deinen Topf verrät
Ein Naturstandort ist keine fertige Pflegeanleitung. Diese vier Fragen helfen aber bei der Auswahl:
- Wie viel Licht bekommt die Art?
- Bleibt ihr Standort ganzjährig feucht oder gibt es eine Ruhezeit?
- Wie warm sind Tage und Nächte?
- Wächst sie im Boden, auf Gestein, auf Bäumen oder im Wasser?
Die passenden Ansprüche findest du im Pflanzenlexikon; praktische Grundlagen stehen im Pflegebereich.
Ohne Lebensraum bleibt auch die Falle leer
Entwässerung, Nährstoffeinträge, Abholzung oder veränderte Feuerregime können diese Standorte grundlegend verändern. Es reicht deshalb oft nicht, einzelne Pflanzen stehen zu lassen. Auch Wasserhaushalt, offene Flächen und die umgebende Vegetation müssen erhalten bleiben. Mehr dazu im Bereich Schutz & Verantwortung.
Wie aus solchen Lebensbedingungen verschiedene Fangorgane hervorgehen konnten, erklärt die Evolution der Fallen. Weitere Artikel findest du unter Hintergrund & Wissen.